„Deutsche Polizisten fingen an, mich zu ohrfeigen“

20 Stunden lang wurde der Pakistaner Navid B. nach dem Attentat in Berlin irrtümlich als Hauptverdächtiger festgehalten. Nun äußert er sich erstmals über seine Zeit im Polizeigewahrsam.

NAVID B.„Die Polizisten fingen an, mich zu ohrfeigen“

Der Pakistaner Navid B.
Der Pakistaner Navid B.

Naved Baloch wurde fälschlicherweise verdächtigt, den Anschlag am Berliner Breitscheidplatz verübt zu haben

Quelle: Kate Conolly/Guardian News & Media Ltd 2016

20 Stunden lang wurde der Pakistaner Navid B. nach dem Attentat in Berlin irrtümlich als Hauptverdächtiger festgehalten. Nun äußert er sich erstmals über seine Zeit im Polizeigewahrsam.

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Der nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche zunächst irrtümlich als Attentäter verdächtigte Pakistaner hat in einem neuen Interview weitere Details seiner Festnahme und der Vernehmungen durch die Polizei geschildert. Die Beamten hätten ihm unter anderem die Augen verbunden und ihn geohrfeigt, sagte Navid B. der britischen Zeitung „The Guardian“.

Der 23-Jährige wurde am Abend des 19. Dezember nur wenige Stunden nach der Tat rund zwei Kilometer entfernt vom Ort des Anschlags, im Berliner Tiergarten, festgenommen. Während der Ermittlungen stellte sich jedoch bald heraus, dass B. mit der Tat nichts zu tun hatte. Dennoch verblieb er 20 Stunden in Polizeigewahrsam und wurde erst am Abend des darauffolgenden Tag wieder freigelassen.

Über die Umstände seiner Festnahme äußerte sich Navid B. Ende vergangener Woche erstmals gegenüber der „Welt am Sonntag“. Weil er seine „U-Bahn erwischen“ wollte, sei er über eine befahrene Straße gerannt, sagte B. Dabei hätten ihn Polizisten gesehen und angehalten.

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Wie er die Zeit im Gewahrsam der Polizei erlebt hatte, schilderte er nun mit mehr als einer Woche Abstand dem „Guardian“. Zunächst sei er gefesselt und in eine Polizeistation gefahren worden.

„Sie fingen an mich zu ohrfeigen“

Dort hätten ihm Beamte zusätzlich die Augen verbunden und ihn anschließend an einen anderen Ort gebracht. Während der Fahrt hätten zwei Polizisten ihre Schuhabsätze in seine Füße „gegraben“ und einer von ihnen habe seinen Nacken mit „großem Druck“ nach unten gepresst, so B.

Nach der Ankunft an dem ihm unbekannten Ort sei er fotografiert und ausgezogen worden. „Als ich mich wehrte, fingen sie an, mich zu ohrfeigen“, sagte B. Die anschließende nächtlichen Vernehmung sei von großen Schwierigkeiten bei der Kommunikation geprägt gewesen.

Dem Bericht zu Folge gehört B. der Minderheit der Belutschen an und kann sich nur notdürftig in der pakistanischen Nationalsprache Urdu artikulieren. Der Übersetzer, der zu seiner Befragung hinzugezogen wurde, habe wiederum kein Wort Belutschisch verstanden.

Er sei gefragt worden, ob er wisse, was früher am Abend passiert sei. Als B. verneinte, hätten die Beamten zu ihm gesagt: „Jemand hat ein Fahrzeug genommen, es eine Menschenmenge gefahren und viele Leute getötet. Und du warst hinter dem Lenkrad des Lastwagens, nicht wahr?“

„Ich kann nicht mal ein Fahrzeug starten“

Er habe versucht, den Beamten zu erklären, dass er überhaupt nicht fahren könne. „Ich kann nicht mal ein Fahrzeug starten“, sagte B. Ob seine Antworten verstanden wurden, könne er nur vermuten.

Nach seiner Freilassung fürchte er nun um sein Leben und um das seiner Familie in Pakistan, sagte er der britischen Zeitung. B. war nach eigenen Angaben aus dem Land geflohen, weil er sich für die Unabhängigkeitsbewegung der Belutschen eingesetzt und deswegen Todesdrohungen erhalten habe. Die pakistanischen Medien würden ihn nach den Ereignissen in Berlin nun als „belutschischen Terroristen“ bezeichnen.

Auch in seine bisherige Flüchtlingsunterkunft auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof könne er nicht zurückkehren, da ihm dort Gefahr durch pakistanischen Nationalisten drohe, die ihn als Staatsfeind sähen. Zu seinem eigenen Schutz hätten ihn die deutschen Behörden an einem geheimen Ort untergebracht, an dem er für mindestens zwei Monate bleiben müsse.

Seine größte Hoffnung sei, dass sein Name eines Tages nicht mehr mit der „schrecklichen Tat“ auf dem Weihnachtsmarkt in Verbindung gesetzt werde. „Gottseidank haben sie den Mann gefunden, der es getan hat.“

Quelle: http://www.welt.de/politik/deutschland/article160709149/Die-Polizisten-fingen-an-mich-zu-ohrfeigen.html

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